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Afrikanische Migranten in Tunesien

Saieds Sündenböcke

Feature
Afrikanische Migranten in Tunesien
Josephus lebt seit vier Jahren in Tunis. In sein Heimatland Sierra Leone kann er nicht zurück. Dass Menschen auf der Straße nicht nur ihn, sondern auch seinen 6-jährigen Sohn attackierten, hat ihn zutiefst schockiert. Foto: Jamil Zegrer

Die Hetze des tunesischen Präsidenten hat handfeste Folgen. Nun melden sich die Opfer rassistischer Verfolgung in Tunesien zu Wort.

Hunderte schwarze Menschen verharren seit Februar vor der dem Büro der Internationalen Organisation für Migration (IOM) im Geschäftsviertel »Lac 1« am Rand von Tunis. Gewalttätige Übergriffe, Jugendliche, die mit Steinen auf sie werfen sowie willkürliche Polizeikontrollen sind zum Alltag vieler Immigranten in dem nordafrikanischen Land geworden. Von der IOM erhoffen sie sich Hilfe.

 

Afrikanische Migranten in Tunesien
Bei dem brutalen Rauswurf aus seiner Wohnung wurde Osmans Bein gebrochen. Im Krankenhaus schickte man ihn ohne Behandlung wieder weg. Seither muss ein provisorischer Verband herhalten.Foto: Jamil Zegrer

 

Vor dem Hintergrund der dramatischen wirtschaftlichen Lage erstarkt der Rassismus innerhalb der Gesellschaft. Präsident Kais Saied reagiert auf die Probleme seines Landes mit populistischer Stimmungsmache. Ende Februar warnte er gar vor einer Verschwörung oppositioneller Kräfte, die eine Afrikanisierung des islamisch-arabischen Tunesiens voranzutreiben versuchen. Es ist eine Rhetorik, die nicht folgenlos bleibt.

 

Eine neue Verordnung untersagt es mittlerweile, Menschen ohne Aufenthaltstitel eine Wohnung zu vermieten. So werden Migranten aus dem subsaharischen Afrika auf die Straße gedrängt – doch auch dort wird es zunehmend gefährlich. Viele haben innerhalb kurzer Zeit sowohl Arbeit als auch Wohnung verloren und erleben rassistisch motivierte Gewalt. Einige afrikanische Staaten reagierten und flogen ihre Bürger aus, darunter die Elfenbeinküste, Guinea oder Mali. Doch für viele bleibt dieser Ausweg versperrt.

 

Afrikanische Migranten in Tunesien
Direkt an das Camp grenzen die zwei Meter hohen, mit Nato-Draht gekrönten Zäune der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Die IOM zeichnet in Nordafrika hauptsächlich für die Rückführungen von Geflüchteten verantwortlich. Foto: Jamil Zegrer

 

Sie verharren schutz- und perspektivlos in Tunesien, sind angewiesen auf die Solidarität tunesischer Aktivisten. Die Helfer organisieren sich privat und versorgen die Betroffenen mit dem Nötigsten. Dazu gehören auch Hausbesuche bei denjenigen, die zwar noch eine Wohnung haben, sich angesichts der zunehmenden Gewalt aber nicht mehr auf die Straße trauen.

 

Auch die Aktivistinnen und Aktivisten sind darauf bedacht, sich zu schützen. Sie wollen anonym bleiben, befürchten, ansonsten ebenfalls von den staatlichen Repressionen erfasst zu werden. Seit Beginn des Jahres sind zahlreiche Oppositionelle festgenommen worden. Die Verhaftung von Noureddine Boutar, dem CEO des größten privaten Radiosenders des Landes Mosaïque FM, war ein Alarmsignal für alle kritischen Journalisten im Land.

 

Afrikanische Migranten in Tunesien
Aus Matratzen, Zelten und als Regenschutz hergerichteten Planen besteht das Lager vor dem IOM-Büro. Der Geruch von verbrannter Holzkohle liegt in der Luft, einige Personen versuchen sich am kleinen Feuer zu wärmen. Foto: Jamil Zegrer
Von: 
Hannah Jagemast

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