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Libyer in tunesischen Krankenhäusern
Stadtpanorama Tunis, Tunesien

Seine Arme sind bandagiert, die Beine von einem frischen Laken bedeckt: Nabil Gamal Naji Muftah ist Libyer und lässt sich in der Klinik »Hannibal International« in Berges du Lac, einem gehobenen Vorort von Tunis, behandeln. Wie Nabil reisen viele Libyer ins benachbarte Tunesien, um sich dort medizinisch versorgen zu lassen. Fünf Jahre ist es her, seit Nabil und sein älterer Bruder zusammen im Auto saßen. Sie waren auf dem Weg nach Hause, als ein Lastwagen auf sie zuraste. Zwar bremste der Fahrer und verhinderte so ein größeres Unglück, aber es war zu spät, um den Zusammenstoß zu verhindern.

 

Auf seinem Smartphone zeigt Nabil Fotos des zertrümmerten Autos. Eigentlich, sagten ihm die Ärzte, hätte er den Unfall nicht überleben können. Sein Bruder war nur leicht verletzt, doch bei Muftah diagnostizierten die Ärzte einen teilweise gebrochenen Halswirbel und die Beine und Arme seines Bruder vorübergehend gelähmt waren – und so folgten Operationen und Wochen im Krankenhaus.

 

Die Ärzte empfahlen ihm eine Klinik in Tschechien, in der man sich auf seine Verletzungen spezialisiert hatte. Der junge Libyer reiste in seinem Rollstuhl nach Prag und blieb für 15 Monate. Es folgte ein siebenmonatiger Aufenthalt in einer Spezialklinik in Polen, ehe er im Juli 2016 nach Hause zurückkehren musste. Nicht weil er geheilt war, sondern weil er kein Geld mehr hatte.

 

»Die Gesundheitsversorgung in Libyen ist kostenlos, aber schlecht. Also müssen wir nach Tunesien ausweichen.«

 

Zurück in Libyen weigerte sich Muftah, sich vor Ort in Behandlung zu begeben. »Wer hier ins Krankenhaus geht, fängt sich direkt am zweiten Tag eine bakterielle Infektion ein.« Muftah weiß, wovon er spricht. Er studierte zum Zeitpunkt des Unfalls bereits im sechsten Semester Medizin. »Das Personal ist oft unzureichend ausgebildet. Nur mit Glück erwischt man einen Arzt, der sein Handwerk versteht.« Und so blieb Muftah daheim, verzichtete auf Behandlung und Physiotherapie, und schluckte stattdessen Medikamente.

 

Obwohl sein Bruder Nabil sich Tag und Nacht um ihn kümmert, geht es Muftah immer schlechter. Die Schmerzen werden stärker und anderthalb Jahre nach dem Unfall gibt die abgestorbene Haut an den Beinen einen fauligen Geruch ab. Seine Familie greift ein – und lässt ihn eilig nach Tunis verlegen. »Die Gesundheitsversorgung in Libyen ist kostenlos, aber schlecht. Also müssen wir nach Tunesien ausweichen, um uns richtig behandeln zu lassen«, sagt Muftah.

 

Im Juli 2019 wird seine Hautinfektion fachgerecht behandelt. Es folgen Operationen am Rückenmark und den gelähmten Gliedmaßen. Armen, Händen und Rücken geht es inzwischen wieder besser, doch unterhalb der Hüfte fühlt er nur Krämpfe in Beinen und Füßen. » Tunesische Krankenhäuser verfügen über eine gute medizinische Ausstattung. Ärzte und Pflegekräfte sorgen dafür, dass man sich gut aufgehoben fühlt«, sagt Muftah. »Als ich ankam, um mir die Klinik anzuschauen und das Personal kennenzulernen, entschied ich mich sofort, mich hier behandeln zu lassen.«

 

Chefarzt Ghazi Jerbi vermutet, dass zwischen 2011 und 2014 rund 50 Prozent der medizinischen Einrichtungen in Tunesien sich ausschließlich um libysche Patienten gekümmert haben.

 

Ghazi Jerbi ist Onkologe und Chefarzt der »Hannibal International«, er weiß um die Bedeutung des tunesischen Gesundheitssystems für die Region: »Tunesien war schon immer beliebt bei libyschen Patienten. Viele ausländische Patienten kommen gezielt in unsere Klinik.« Libyer, berichtet Ghazi, hätten oftmals keine Wahl. Der schlechte Zustand des eigenen Gesundheitssystems zwinge sie dazu.

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Assads langer Arm in Osteuropa
Kolshi tamam fi Dimashq

Ich bin ein Verräter. Das begriff ich zum ersten Mal, als die bulgarische Botschaft im Libanon mich warnte, nicht nach Beirut zu reisen. Mein Name stünde auf einer Liste, welche die Hizbullah im Auftrag des syrischen Regimes führt: gesucht wegen staatsfeindlicher Aktivitäten. In Syrien würde mich ein Prozess vor einem Militärgericht erwarten.

 

Aus ideologischer Sicht ist alles, was ich heute tue, Verrat. Dass ich in den Augen des Regimes ein Verräter bin, ist einerseits ein Symbol für die Lügen, an die ich früher selbst glaubte. Andererseits treibt mich der Vorwurf heute an. Denn in Wirklichkeit habe ich ein System verraten, das von innen heraus tief verrottet ist.

 

Ich wurde in Sofia geboren. Mein Vater arbeitete viele Jahre in der Konsularabteilung der syrischen Botschaft. In meiner Jugend habe ich viel Zeit im Botschaftsgebäude und der Residenz des Botschafters verbracht. Später wurde ich aktiver Teil des syrischen Studentenwerks in Bulgarien. Die Machthaber in Damaskus sahen in jemandem wie mir zweifellos eine nützliche Ressource. Mit dem Studentenwerk stellten wir Treffen, Ausstellungen und andere Kulturveranstaltungen auf die Beine. Ich war stolz auf diese Aktivitäten und blind gegenüber jeder Kritik am System in Syrien.

 

Im November 2010 begegnete ich Baschar Al-Assad in Sofia. Assad besuchte Bulgarien zu der Zeit auf Einladung des damaligen Präsidenten Georgi Parvanov. Seine Familie, inklusive seiner Kinder, waren ebenfalls mitgereist. Ich unterhielt mich mit seinen Leibwächtern und vereinbarte für die bulgarische Zeitschrift TEMA ein Interview mit seiner Frau Asma. Assad war in voller Mannschaftsstärke angereist, seine Entourage umfasste unter anderem Außenminister Walid Al-Muallem, Chef-Beraterin Buthaina Schaaban, Wirtschafts- und Handelsminister Lamia Assi sowie den stellvertretenden Außenminister Abdul-Fatah Ammura. Einige der Personen, die Assad in Sofia traf, sitzen heute am Kabinettstisch, in den Ministerien oder in der Präsidialverwaltung.

 

Die Machthaber in Damaskus sahen in jemandem wie mir zweifellos eine nützliche Ressource.

 

Lange Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, dass dieser Mann, dem ich in Sofia gegenüberstand, höchstpersönlich Befehle zur Bombardierung von Wohngebieten unterzeichnet haben könnte. Ich hätte nicht gedacht, dass das, was die Welt in Libyen und Ägypten verurteilte, in Syrien in einem viel größeren und blutigeren Ausmaß geschehen könnte.

 

Heute, im Jahr 2019, über Syrien zu sprechen, ist schwierig. Für viele Menschen ist das, was in Syrien geschieht, ein Mysterium, eine Verschwörung, ein Kampf um Einflusssphären. Heute beinhaltet jedes Gespräch über Syrien die Worte »Terrorismus«, »Islamischer Staat«, »Geopolitik«. Nichts davon war jedoch Teil des Diskurses, als 2011 die Proteste in Syrien ausbrachen. Deswegen müssen wir einen Blick zurückwerfen, um zu verstehen, wie sich die Debatte über Syrien so sehr gewandelt hat, dass es jemandem wie Assad und seinen Untergebenen gelungen ist, sich vor der internationalen Gemeinschaft zu rehabilitieren.

 

Warum ausgerechnet nach Sofia blicken? Die bulgarische Hauptstadt ist aus geopolitischen Gründen wichtig. Als Land mit EU-Außengrenze in unmittelbarer Nachbarschaft zur Türkei spielt Bulgarien in den strategischen Überlegungen der Regionalmächte eine zentrale Rolle. Bulgarien ist auch für Syrien wichtig. Die Beziehungen zwischen Sofia und Damaskus waren über mehrere Jahrzehnte eng, die Länder standen lange auf derselben Seite des Eisernen Vorhangs. Ob Landwirtschaftserzeugnisse, Maschinenexporte oder Waffenhandel: Ihren Höhepunkt fanden die Beziehungen in den 1980er Jahren.

 

Das bulgarische Kulturinstitut in Damaskus war damals einer der wenigen kulturellen Hotspots der Stadt. Und viele Syrer studierten in Bulgarien, einige blieben in ihrer neuen Heimat, andere gingen zurück und stiegen in Führungspositionen auf. Das jeweils schwierige Verhältnis zum gemeinsamen Nachbarn Türkei machte beide Länder zu strategischen Partnern.

 

Noch nie war die syrische Botschaft in Sofia so umtriebig wie heute. Sie sammelt Daten und koordiniert eine ganze Reihe geheimdienstlicher Aktivitäten. Ich würde sogar so weit gehen, dass die Botschaft in der bulgarischen Hauptstadt seit 2011 weltweit einer der Schlüsselstandorte für das Regime ist. Die wichtigsten Botschaftsmitteilungen und Befehle der syrischen Behörden laufen über Sofia. Die Botschaft, insbesondere der örtliche Abgesandte der Baath-Partei, überwacht von hier aus auch die syrische Exil-Opposition, und dafür gibt es einen guten Grund.

 

Eines der ersten Treffen der syrischen Opposition fand 2012 in Bulgarien statt. An der Tagung im Kurort Pravets, etwa 45 Minuten von Sofia entfernt, nahmen eine ganze Reihe prominenter Persönlichkeiten teil, darunter etwa Burhan Ghalioun, der erste Vorsitzende des Syrischen Nationalrats. Der damalige Außenminister und spätere UN-Sonderbeauftragte für Irak, Nikolaj Mladenov, war federführend an der Organisation beteiligt.

 

Ab 2012 begannen syrische Geschäftsleute in Varna und Plovdiv, die Trommel für das Assad-Regime zu rühren.

 

Um der sich daraufhin abzeichnenden öffentlichen Unterstützung für die syrische Revolution entgegenzuwirken, gab das Regime der Botschaft in Sofia die Aufgabe, lokale Verbündete zu finden. Die beiden wichtigsten Kriterien: eine antiamerikanische Einstellung und ein guter Draht zu Moskau. Der Plan: eine umfassende Kampagne, die die öffentliche Debatte schließlich in die entgegengesetzte Richtung lenkt. Was damals in Bulgarien geschah, ist ein Experiment, das sich in vielen anderen Ländern, auch in Westeuropa, wiederholt hat. Überall tauchen mittlerweile prominente Schergen des Regimes in der Öffentlichkeit auf, um dessen Ansichten zu verbreiten.

 

Aber um die volle Bedeutung dieser Image-Kampagne zu verstehen, müssen wir nach Syrien zurückkehren. Ausländer, darunter vor allem Arabisch-Studenten, bekommen bei ihrem ersten Besuch in Syrien oft zu hören, dass sie im Gespräch mit Taxifahrern Vorsicht walten lassen sollten, denn häufig arbeiteten diese als Informanten für den syrischen Geheimdienst – ein willkommenes Zubrot in einem Job, der sonst nicht viel abwirft.

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Jugend im Bürgerkrieg in Libyen
Libyens Jugend und der Bürgerkrieg

Die 23-jährige Jeje Elromhe beschreibt ihre Begegnung mit dem Scharfschützen von Benghazi so: »Zweimal wurde ich fast erschossen. Das erste Mal war ich auf dem Weg zu einer Prüfung. Ich hatte so viel gelernt und wollte den Test nicht ausfallen lassen«, berichtet sie. Jeje wusste, dass sie sich in Gefahr begeben würde, als sie im Morgengrauen ihr Haus verließ. Die Schüsse ließen nicht lange auf sich warten. »Also bin ich gerannt, während der Scharfschütze auf mich schoss. Ich hörte das Zischen der Kugeln über meinem Kopf.« Das nächste Mal war sie gerade mit ihrem Bruder im Auto unterwegs, als zwischen den Geschwistern eine Kugel einschlug.

 

Wer war der Scharfschütze? Niemand wusste es. Drei lange Jahre hielt er Jejes Familie und deren Nachbarn in Benghazi in Atem. Dann verschwand der Heckenschütze, von einem Tag auf den anderen. Doch die Spuren seines blutigen Handwerks haben Spuren in dem Leben der Menschen hinterlassen.

 

Anekdoten wie diese finden sich in Libyen zuhauf. Der Bürgerkrieg erstickte den Optimismus der Generation, die sich erstmals aus dem Schatten des allmächtigen Sicherheitsapparates des Gaddafi-Regimes wagte. Mehr noch: Der Krieg zersetzte das soziale Gefüge. Der postrevolutionären Generation fehlte so der soziale Kit, den ihre Eltern noch für gegeben nehmen konnten. Die Jugend fügte sich gezwungenermaßen in die Anarchie im Land, während sich die ältere Generation nur schwer mit dem neuen Status Quo abfinden konnte. Auch deshalb reagiert Libyens Jugend oft abgeklärter auf die oft anarchischen Zustände im Land. Sie hat schnell gelernt, sich zu arrangieren.

 

»Nach der Revolution ging es immer um Politik – wir waren glücklich, es ging in die richtige Richtung. Im Radio war etwas los, man konnte ab und an englische Lieder spielen. So viele Magazine kamen auf den Markt«, erinnert sich die 28-jährigen Nadya Ramadan, die damals beim Sender Tripolis FM arbeitete. »Für rund zwei Jahre genossen wir unsere Freiheit. Nur wenige bemerkten, wie es langsam bergab ging. 2014 zogen sich Unternehmen aus dem Land zurück, dann schlossen die Botschaften. Erst da wurde mir klar, dass wir noch lange warten müssen, bis sich unsere Hoffnungen wirklich erfüllen werden.«

 

Wie viele Libyer verlor auch Jawashi Angehörige im Krieg mit dem Tschad, doch ansonsten, sagt er, habe er eine glückliche Kindheit gehabt.

 

Dass der Staat nicht mehr funktioniert, spüren die Menschen permanent – ständig fällt der Strom aus, der libysche Dinar ist im freien Fall. Inzwischen sind viele Libyer ernüchtert und bewerten die Ereignisse von 2011 nicht mehr als überwiegend positiv. 2018 kam eine Umfrage unter arabischen Jugendlichen zu dem Ergebnis, dass lediglich 42 Prozent der jungen Libyer den Arabischen Frühling positiv betrachten. Aus dem Chaos der Revolution entstand so eine Gesellschaft, mit der viele Alte wenig anfangen konnten und mit deren Gestaltung die Jungen überfordert waren.

 

Der Künstler Ahmed Barudi arbeitet heute für ein Telefonunternehmen und ist frustriert: »Mein Leben war in Ordnung vor der Revolution – 2010 war wahrscheinlich mein bestes Jahr. Ich hatte genug Geld, um zu leben, wie ich wollte. Ich konnte überall hinreisen und hatte Pläne für die Zukunft. 2015 wollte ich meinen Job an den Nagel hängen, um mich ganz meiner Kunst zu widmen. Aber all das hat sich in Luft aufgelöst.«

 

Der heute 38-jährige Taha Jawashi lebt in Tripoli und hatte bis 2011 nie ein Feuergefecht erlebt. »Ich bin ganz anders aufgewachsen als die junge Generation. Wir hatten damals keine vergleichbare Technik, das Aufregendste, was wir hatten, waren Satellitenschüsseln. Es gab kein Internet, keine Smartphones, nichts. Es war wie im Kommunismus, wir hatten Fahrräder, und zwar alle die gleichen.«

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Ramzan Kadyrow zwischen Russland, Tschetschenien und dem Nahen Osten
Tschetschenies Präsident Ramzan Kadyrow und der Nahe Osten

In Homs ragt die renovierte Khalid-Ibn-al-Walid-Moschee aus den Ruinen der halb zerstörten syrischen Stadt. Als die Regimekräfte Homs belagerten, war das Gotteshaus, das das Grab des namengebenden Prophetengefährten beherbergt, zu einem Symbol des Widerstands gegen Baschar Al-Assad. Die Geschosse der syrischen Armee fügten der Moschee erheblichen Schaden zu. Im Februar 2019 wurde sie wiedereröffnet. Ein Ehrengast aus dem russischen Nordkaukasus schnitt das rote Band durch: Salakh Meschiyew, seines Zeichens Mufti von Tschetschenien. »Wir in Tschetschenien gingen durch brutale Kriege und verstehen euch wie kein anderer«, so das religiöse Oberhaupt der tschetschenischen Muslime während der Zeremonie. Die Renovierungsarbeiten finanzierte die Akhmad-Kadyrow-Stiftung, benannt nach dem Vater des heutigen tschetschenischen Präsidenten Ramzan Kadyrow.

 

Es sind Fernsehbilder, deren symbolische Kraft in Moskau sehr geschätzt wird. Russland mischte sich in den syrischen Krieg zusammen mit dem schiitischen Iran auf der Seite des Alawiten Baschar Al-Assad ein und hat die sunnitischen Oppositionskräfte massiv bombardiert. Nun kommen aber Sunniten aus Tschetschenien und bauen Moscheen in Syrien wieder auf – in Homs und in Aleppo. Russland ist gerade dabei, seinen Einfluss im Nahen Osten aufzubauen und sich als pragmatischen Vermittler zu positionieren, der allen zuhört und mit allen redet, sei es Israel, Iran oder Saudi- Arabien. Der tschetschenische Präsident spielt dabei eine besondere Rolle und bahnt Kontakte zu muslimischen Ländern an. Kein anderer Regionalpolitiker in Russland ist außenpolitisch so aktiv wie Ramzan Kadyrow.

 

Er ist häufig in den Golfstaaten zu Gast und empfängt Mitglieder der royalen Familien in Tschetschenien. So traf er sich bereits mehrmals mit dem saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman (MBS). Ende 2018 stattete der saudische Thronfolger der tschetschenischen Hauptstadt Grosny einen Besuch ab und besichtigte sichtlich vergnügt das neue Zentrum zur Ausbildung von Spezialkräften. Auf den Höhepunkt der weltweiten Empörung um den Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi konnte sich MBS sicher sein, dass er in Grosny keiner Kritik ausgesetzt sein würde, denn der tschetschenische Präsident ist ebenso bekannt dafür, dass seine Feinde überall auf der Welt auf mysteriöse Weise ums Leben kommen.

 

Kadyrow hat enge persönliche Kontakte nach Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain aufgebaut. Über seine Besuche wird ausführlich im tschetschenischen Fernsehen und in den sozialen Netzwerken wie Instagram und Vkontakte berichtet – dabei werden die »brüderlichen« Beziehungen zwischen den Sunniten am Golf und im Nordkaukasus betont.

 

Viele Kontakte in der muslimischen Welt hat Kadyrow von seinem Vater, dem ehemaligen tschetschenischen Mufti und Präsidenten Akhmad Kadyrow, übernommen, der 2004 von Islamisten ermordet worden war. Kadyrow Senior hatte als tschetschenischer Präsident die Nahost-Diplomatie der kaukasischen Teilrepublik begründet. Schon damals an seiner Seite: Ziyad Sabsabi. Der gebürtige Syrer ist heute Ramzan Kadyrows Sonderbeauftragter für den Nahen Osten und Nordafrika.

 

Viele Kontakte in der muslimischen Welt hat Kadyrow von seinem Vater übernommen. Der wurde 2004 von Islamisten ermordet.

 

Der in Aleppo geborene Sabsabi studierte in den 1980er-Jahren in Sankt Petersburg, heiratete später eine Tschetschenin und erhielt die russische Staatsbürgerschaft. Anfang der 1990er arbeitete er in Grosny für die Regierung des Separatisten Dschokhar Dudayew. Jetzt bahnt er Kontakte in der arabischen Welt für Kadyrow an und übersetzt für ihn persönlich, wenn der tschetschenische Präsident in Abu Dhabi oder Riad zu Besuch ist. »Tschetschenien könnte zu einer Brücke werden, die Russland mit den muslimischen Staaten verbindet«, sagte Sabsabi schon vor fünf Jahren. Der russische Kurs auf engere Beziehungen zu vielen arabischen Staaten sei auf lange Zeit ausgelegt.

 

Und die russische Regierung sei gut beraten, die muslimischen Regionen Russlands hier einzubeziehen. In Russland sind mehr als zehn Prozent der Bürger Muslime. Doch unter allen muslimischen Regionen hat Tschetschenien eine Sonderstellung. Weder Tatarstan noch Dagestan oder Inguschetien verfügen über einen Nahost-Sonderbeauftragten wie Sabsabi. Und Kadyrow persönlich hat viel darin investiert, mit seiner charismatischen und brutalen Art die Beziehungen weiter auszubauen.

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Hafen Duqm im Oman
Hafen Duqm im Oman

Amna Nasser Al-Sharji sitzt am Computer und zeigt eine neue Welt: Wohnviertel, Einkaufsstraßen, Hotelkomplexe, Industrieansiedlungen – alles ist da. Allerdings erst auf dem Bildschirm, an dem sie die Zukunft entwirft. Bisher steht das Bürohaus, in dem die junge Stadtplanerin arbeitet, mitten im Nichts. Duqm liegt ziemlich genau auf der Hälfte zwischen der Hauptstadtregion Maskat und Salalah am anderen Ende Omans. Duqm war noch vor 30 Jahren ein kleines Fischerdorf mit vielleicht tausend Einwohnern, bevor der Staat die Gegend Mitte der 1990er Jahre als Standort absteckte: 2.000 Quadratkilometer, so groß wie das Saarland und an einem 95 Kilometer langen Küstenstreifen gelegen. 2011 wurde der Ausbau zur Freihandelszone mit günstigen steuerlichen Bedingungen beschlossen – und zusätzlichen Anreizen für Investoren, darunter etwa das Recht, ihr eingesetztes Kapital und die Gewinne komplett einbehalten zu können.

 

Auf Duqm ruhen große Hoffnungen: Die Region soll mit dem nach Angaben Omans größten Industriehafen des Nahen Ostens den Schiffsverkehr von und nach Asien und Afrika neu bestimmen. Geldgeber aus aller Welt sollen Schwerindustrieanlagen, aber auch kleine und mittelständische Unternehmen und die umgebende Stadtplanung finanzieren. Ein paar Kilometer weiter sollen Hotelanlagen an einem feinen Sandstrand Touristen anlocken. Kein Widerspruch, findet Amna, die an der German University of Technology in Oman (GUtech) studiert hat, die mit der RWTH Aachen assoziiert ist: »In Maskat liegt die Raffinerie mitten in der Stadt und die angrenzenden Grundstücke gehörten lange zu den teuersten der Umgebung«, argumentiert die Stadtplanerin.

 

Hafen Duqm im Oman
Einkaufspassagen, Restaurants, Krankenhäuser und Moscheen. All das wird am virtuellen Reißbrett geplant – für Oman ein Novum. SEZAD

 

Industrie, Hafenbetrieb und Tourismus sollen in Duqm für Hundertausende neue Jobs sorgen. Dafür soll auch eine Infrastruktur für die Menschen geschaffen werden, die hier mal arbeiten und leben sollen, inklusive Einkaufspassagen, Restaurants, Krankenhäuser und Moscheen. All das wird am virtuellen Reißbrett von Amna und ihren Kollegen geplant – für Oman ein Novum. Alle anderen Städte dort wuchsen bisher unkoordiniert mit der Zeit. Eine Ausnahme ist das Quartier Al-Mouj (»Die Welle«) in Maskat: arabischer Bauhausstil entsteht dort aus der Retorte. »Wie Duqm letztlich aussieht, sollen die Investoren bestimmen. Wir stellen ihnen unsere Visionen vor, aber sie können auch eigene Ideen einbringen«, sagt Amna. Einige Wohnviertel stehen bereits – für die bisherigen Einwohner der Gegend, die umgesiedelt wurden, und bereits bezugsfertig als Geisterstädte für diejenigen, die da noch kommen sollen.

 

Wenige hochqualifizierte Omaner werden in der Ölraffinerie, im Hafen und in der umgebenden Industrie beschäftigt und pendeln am Wochenende zu ihren Familien in Maskat oder Salalah – während Expats die anderen Jobs vor Ort erledigen.

 

Die Umgebung, in die das Projekt eingebettet wird, existiert zum Großteil unverändert seit mehr als 40 Millionen Jahren. Die ausgefallenen Felsformationen aus Sand- und Kalkstein ähneln Löwen, Drachen oder überdimensionalen, zu Stein gewordenen Küken. Der »Rock Garden« soll künftig Teil eines geologischen Parks werden, und die künftigen Bewohner wie auch Touristen anziehen. Von der Natur in Urzeiten geschaffene Steinskulpturen innerhalb einer neuen, menschengemachten Welt.

 

Ob in der Region allerdings viele Arbeitsplätze für die omanische Bevölkerung entstehen, das bezweifelt Thomas Richter von der Nahost-Abteilung des GIGA (German Institute of Global and Area Studies). »Dafür wird dort zu wenig Lebensqualität geboten. Was ist der Vorteil von Duqm gegenüber den grünen Bergen von Salalah und der quirligen Hauptstadtregion Maskat mit ihren Restaurants und Freizeitangeboten? Das werden wohl auch die meisten Touristen so sehen.« Er hält es für wahrscheinlich, dass wenige hochqualifizierte Omaner in der Ölraffinerie, im Hafen und in der umgebenden Industrie beschäftigt werden und am Wochenende zu ihren Familien in Maskat oder Salalah pendeln – während Expats die anderen Jobs vor Ort erledigen.

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Inside Iran: Cornelius Adebahr und Daniel Gerlach im zenith-Club
Inside Iran: Cornelius Adebahr und Daniel Gerlach im zenith-Club

Wer Teherans Vorgehen in Bezug auf den Atom-Deal verstehen will, muss die Innenperspektive einnehmen, findet Cornelius Adebahr. Der Politikberater hat mehrere Jahre in Teheran gelebt und an der Universität Teheran gelehrt. Die Ruhani-Regierung sehe sich vor allem innenpolitisch mit Gegenwind konfrontiert. »Sie wird gerade von den Hardlinern im Land dafür angefeindet, dass sie dieses Abkommen überhaupt einmal unterzeichnet hat«.

 

Auch die iranische Reaktion auf die Vermittlungsversuche des deutschen Außenministers Heiko Maas thematisierten Adebahr und Gerlach. Maas sei nicht neutral in seiner Rolle als Vermittler, findet Adebahr. »Sein Besuch war ein Versuch, zu vermitteln – obwohl Deutschland selber Verhandlungspartei des Deals ist«. An erster Stelle sei Irans Außenminister Javad Zarif darum gegangen, eine Botschaft an das heimische Publikum zu senden. Maas habe eine »Position der Härte« einnehmen wollen.

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Interview mit Fabrice Balanche über Idlib und die Türkei und Russland in Syrien
Interview mit Fabrice Balanche über den Kampf um Idlib und die Türkei und Russland in Syrien

zenith: Die syrische Armee und ihre russischen und iranischen Verbündeten blasen zum finalen Sturm auf die Provinz Idlib im Nordwesten. Warum gerade jetzt?

Fabrice Balanche: Das syrische Regime will das gesamte Land wieder unter seine Kontrolle bringen, deswegen rückt die letzte Bastion oppositioneller Kräfte natürlich in den Fokus. Die Offensive sollte eigentlich im September 2018 beginnen, doch die Pläne stießen in Ankara auf Widerstand. Russland und die Türkei vereinbarten daraufhin, die territorialen Differenzen beizulegen …

 

… mittels des Abkommens von Sotschi, das eine Pufferzone schaffen sollte …

… mit dem Ziel, dass radikale Rebellengruppen zum Abzug gezwungen werden – allen voran Hayat Tahrir Al-Scham (HTS). Doch die von Ankara für diesen Zweck geschmiedete Rebellenallianz »Nationale Befreiungsfront« zog den Kürzeren und ging als Verlierer aus der Konfrontation mit der HTS hervor, die mittlerweile 80 Prozent der Provinz Idlib unter Kontrolle hält. Erdoğan ist mit seiner Strategie also gescheitert.

 

Wer steckt hinter der Hayat Tahrir Al-Scham?

HTS ging aus der Nusra-Front hervor. Und die wiederum ist ein Zusammenschluss der syrischen Zweigstelle von Al-Qaida und verschiedener Rebellengruppen. Die HTS-Führung versucht zwar, sich von Al-Qaida zu distanzieren und hat etwa den Treueschwur zur Mutterorganisation nicht erneuert. Dennoch bekennen sich einige HTS-Elemente weiterhin zu Al-Qaida, etwa die Ansar-Al-Din-Front oder der syrische Zweig der »Islamischen Partei Turkestans« (TIP). In der HTS – inklusive der Führungsriege – sind hauptsächlich Syrer vertreten. Mit zwei Ausnahmen: Die Ansar-Al-Din-Front und die TIP vereinen eine große Zahl von Kämpfern aus Zentralasien.

 

Wie finanziert sich HTS?

Die Nusra-Front erhielt lange finanzielle Unterstützung aus der Türkei, Saudi-Arabien und Katar – bis sich die Golfstaaten entzweiten. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob HTS immer noch Gelder aus Saudi-Arabien zufließen. Viel wichtiger für die Finanzierung der Gruppe erweist sich heute die Kontrolle über die Provinz Idlib: Steuern, Handel, Versteigerung von konfisziertem Besitz von Christen, Alawiten oder auch ehemaliger Beamter – all das füllt die Koffer der Gruppe. Watad Petroleum, das Unternehmen, das die gesamte Provinz Idlib mit Öl und Gas versorgt, ist in HTS-Hand.

 

»Bei Erdoğan klingelten die Alarmglocken, als die YPG den Euphrat überquerte«

 

Die Türkei konnte ihre Zusagen nicht einhalten – was bedeutet das für Moskaus Strategie in Idlib?

Russland will das Assad-Regime stabilisieren und dafür sind zwei Faktoren von größter Wichtigkeit: Kontrolle über Nordsyrien und der Wiederaufbau von Aleppo. Und da kommt Idlib ins Spiel – und die Autobahn zwischen Latakia und Aleppo …

 

… eine der wichtigsten Verbindungswege in Nordsyrien, der quer durch die Provinz Idlib führt.

Aleppo ist derzeit nur über eine der Hauptverkehrsstraßen mit dem Rest des Landes verbunden – und zwar die Autobahn, die über Homs und Tadmor führt. Das erschwert den Wiederaufbau, weil die Stadt vom Hinterland abgeschnitten ist. Allerdings will Moskau keinen Schnellschuss wagen. Erdoğan mit einer Offensive rund um Aleppo zu überrumpeln, könnte die Türkei wieder in die Arme der Amerikaner treiben, so die Befürchtung. Doch auch Erdoğans Strategie gleicht einem Drahtseilakt: Die Türkei manövriert zwischen Russland und dem Westen. In Reihen der Nato wächst die Sorge, ob sich Ankara als trojanisches Pferd im Dienste Moskaus erweisen könnte.

 

Trotz der Warnungen aus Washington hat das Nato-Mitglied Türkei gerade den Ankauf von S-400-Geschützen aus russischer Produktion verkündet.

Russland nützen Spannungen innerhalb der Nato. Und die Türkei wiederum hat keinen Hehl aus dem Ärger über die US-amerikanische Unterstützung für die kurdischen Streitkräfte in Nordsyrien gemacht. Zwar sind in der Führungsriege der YPG auch syrische Kurden vertreten, doch de facto haben die PKK-Veteranen aus der Türkei das Sagen. Bei Erdoğan klingelten die Alarmglocken, als die YPG den Euphrat überquerte. Denn das eröffnete das Szenario eines Zusammenschlusses von Afrin und der anderen kurdisch kontrollierten Gebiete über das Verbindungsstück Manbidsch. Das würde bedeuten, dass die syrischen Kurden die gesamte Nordgrenze zur Türkei kontrollieren würden. Andererseits hatte die syrische Armee in diesen Grenzgebieten jeden Fortschritt der Tatsache zu verdanken, dass Erdoğan die Unterstützung für bestimmte nicht-kurdische Rebellengruppen temporär aussetzte. Diese Gemengelage schuf die Bedingungen für den russisch-türkischen Deal für Idlib.

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Saudi-Arabien und das Wahhabiten-Netzwerk
Saudi-Arabien und das Wahhabiten-Netzwerk

Der Auftritt von Popstar Mariah Carey im Januar 2019 sollte es aller Welt vor Augen führen: Der Plan des saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman (MBS), das Land durch den gesellschaftlichen Wandel und zu einer gemäßigten religiösen Mitte zu führen, liegt voll auf Kurs. Doch nicht nur der Westen schaut mit Blick auf die Modernisierungsagenda – mit Skepsis – Richtung Saudi-Arabien. Gegenwind droht dem designierten Thronfolger auch aus Teilen des salafistischen Milieus.

 

Dort wird das Königreich gerade wegen seiner konservativen Werte und der salafistisch ausgerichteten Gelehrten geschätzt, denen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung von Justiz und Bildungswesen sowie der Kontrolle öffentlicher Moral zugesprochen wird. In jüngster Zeit sind einige saudische Gelehrte aber in die Bredouille geraten. Der Grund: widersprüchliche Aussagen in dem offensichtlichem Bestreben, für die Agenda des Kronprinzen zu werben.

 

So zum Beispiel Salih Al-Mughamisi. Dem Imam der Quba-Moschee in Medina folgen auf Youtube über 1,25 Millionen Menschen, seine Videos sind insgesamt über 200 Millionen Mal abgerufen worden. Der 55-jährige Prediger tritt aber auch oft im Staatsfernsehen auf und verteidigte dort etwa die Entscheidung, Mariah Carey für einen Auftritt in die »King Abdullah Economic City« einzuladen. Einige seiner Youtube-Abonnenten nahmen die TV-Ansprache zum Anlass, ihn auf frühere Aussagen aufmerksam zu machen und die Aufrichtigkeit und Absichten des Klerikers zu hinterfragen. Denn mehr als einmal hatte Mughamisi argumentiert, dass der Islam Musikkonsum verbiete.

 

Ähnlich verhielt es sich mit dem salafistischen Prediger Muhammad Al-Arefe. Der hatte seine fast 20 Millionen Anhänger in den sozialen Medien ermutigt, die Überreste der antiken Wüstenstadt Mada’in Salih zu besichtigen, und zwar unmittelbar, nachdem MBS die Förderung des Tourismus zur Priorität der Wirtschaftspolitik erklärt hatte. Dabei hatte der 48-jährige Kleriker noch kurz zuvor in einem Interview beim arabischsprachigen Dienst der BBC vor einem Besuch der nabatäischen Ruinen im Nordwesten Saudi-Arabiens gewarnt, weil die Stätte von Dämonen besessen sei. Einige seiner Twitter-Follower kommentierten daraufhin, dass Al-Arefe eine Wandlung vollzogen habe: von einem religiösen Führer zu einem Reiseführer.

 

Und selbst für den Imam der Großen Moschee von Mekka hagelte es ungewohnte Kritik: Abdul-Rahman Al-Sudais hatte im Oktober 2018 von der wichtigsten Kanzel des Landes aus den Kronprinzen als »Erneuerer« (mujaddid) der Religion proklamiert – ein Terminus, der in den Ohren vieler Salafisten mindestens anmaßend klingen muss. Die Huldigung schlug international hohe Wellen. In der New York Times thematisierte der renommierte kuwaitische Rechtswissenschaftler Khaled Abou El Fadl den Tabubruch: »Kein Imam der Großen Moschee hat zuvor einen saudischen Herrscher als ›Erneuerer unserer Zeit‹ gesalbt oder gewagt, so etwas zu implizieren.«

 

Ebenfalls für Irritationen sorgten die außenpolitischen Statements des Imams. Sudais wirbt wiederholt für die Achse Washington-Riad und spart dabei nicht mit Superlativen. Im Herbst 2018 lobte er in einem Interview mit dem saudischen TV-Sender Al-Ekhbariya MBS und US-Präsident Trump dafür, »die Welt zum Frieden zu führen« – und erntete in den sozialen Medien Spott. Zudem stieß er bei Auftritten im Ausland, die die Charmeoffensive des Thronfolgers begleiteten, auf offenen Widerspruch. Videos von wütenden Zuhörern, die das amerikanisch-saudische Bündnis geißeln, zum Beispiel während eines Gastvortrags des Klerikers in einer Moschee in Genf, machten im Netz schnell die Runde.

 

Bei den Religionsstudenten in Medina kann MBS nicht auf bedingungslose Unterstützung zählen.

 

Weltweit sind Salafisten mit Saudi-Arabien verbunden, etwa weil die Moscheen, in denen sie beten, aus saudischen Mitteln finanziert wurden, oder weil die Imame in diesen und vielen anderen Moscheen an saudischen Universitäten ausgebildet wurden. Doch es mehren sich die Anzeichen, dass sich das Königreich auf Distanz zu jenen Einrichtungen geht, die zum zweifelhaften Ruf der saudischen Religionspolitik im Ausland beigetragen haben.

 

Seit 1969 war die Zentralmoschee in Brüssel in saudischer Hand. Im Mai 2018 löste die belgische Regierung den 99-jährigen Pachtvertrag vorzeitig auf – ein Unikum. Sicher ging die Initiative in diesem Fall von den belgischen Behörden aus, die in ihrer Erklärung explizit »die Art und Weise, wie der Islam gelehrt wird« als Grund für die Terminierung anführen. Überraschend ist eher, wie anstandslos die saudische Regierung den Kontrollverlust akzeptierte.

 

Auch in der Islamismus-Forschung rücken die Auswirkungen der sich verändernden saudischen Religionspolitik langsam in den Fokus. Schon in den 1980er- und 1990er-Jahren beschäftigte sich die Fachwelt mit dem Thema Salafismus, bevor es im neuen Jahrtausend ins breite öffentliche Bewusstsein rückte. Nun taucht auf Konferenzen, wie zuletzt Ende 2018 an der Universität Oxford, immer häufiger die Frage auf, was nach dem Salafismus kommt.

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General Haftar und der Krieg um Tripolis in Libyen
General Haftar und der Krieg um Tripolis in Libyen

Abdullah läuft über den Märtyrer-Platz und betrachtet die Banner und Flaggen am Straßenrand. »Wir haben schon einmal einen Diktator gestürzt und dessen Ende gefeiert. Wir werden nicht zulassen, dass ein weiterer Diktator unsere Hauptstadt betritt«, sagt er mit Blick auf ein Banner, das ein Bild von Khalifa Haftar ziert. Das Gesicht des Generals ist durchgestrichen. Darunter die Worte: »Lass uns in Ruhe«.

 

Abdullah ist 22 Jahre alt. Den Großteil seines Lebens kannte er diesen Platz unter dem Namen Al-Sahat al-Hadra, der »Grüne Platz«. Der Name war ein Ausdruck der Treue zur Jamahiryia, dem »Staat der Massen« und zum Brüderführer, Generaloberst, Herrscher der Revolution: Muammar Al-Gaddafi, der Beduine, geboren in einem Zelt im Vorort Qasr Abu Hadi.

 

Abdullah erinnert sich an den 2. März. An diesem Tag gingen die Menschen hier früher für das Regime auf die Straße, anlässlich der Ausrufung der Jamahiryia. Er erinnert sich auch an den 1. September, der Tag der Revolution, an dem Gaddafi seine Machtübernahme 1969 feierte.

 

Auf diesem Platz rief Gaddafi zu Beginn der Proteste, am 25. Februar 2011, seinen Unterstützern zu: »Ein Leben ohne Würde hat keinen Wert, ein Leben ohne die grüne Flagge hat keinen Wert. Also tanzt und singt! Wer mich nicht unterstützt, wird sterben.« Einige Monate später feierten die Menschen am selben Ort seinen Tod, tanzten auf den heruntergerissenen Portraits des Diktators. Die Menschen gingen hier gegen das Regime auf die Straße, riefen den Sieg aus und reklamierten den Ort für sich, der jahrelang das Symbol der Herrschaft des »Bruderführers« gewesen war – und nannten ihn in Märtyrer-Platz um.

 

Heute ist er wieder voll mit Menschen. Männer und Kinder auf der einen Seite, Frauen auf der anderen. Auf einem Plakat steht: »Nein zur Militarisierung von Libyen«. Doch das Land ist längst militarisiert: Auf fünf Millionen Menschen kommen hier 20 Millionen Waffen.

 

Die Poster auf dem Märtyrer-Platz sind der Spiegel dieses Krieges in Libyen, der längst eher einem Stellvertreter- als einem Bürgerkrieg gleicht.

 

Eine Gruppe Jugendlicher schleift eine überdimensional große Flagge über den gesamten Platz und ruft: »Nein zu einem weiteren Diktator. Nein zu Haftar, dem Kriegsverbrecher.« Ein älterer Mann sitzt auf einem Schemel. Er rezitiert ein Gedicht, eine Ode an die Wüste und den Mut der Helden Libyens, allen voran Omar Al-Mukhtar, Anführer des Widerstands gegen die italienische Besatzung in den 1920er Jahren. »Ich werde diesen Ort nicht verlassen, bis ich eines der zwei höchsten Ziele erreiche: das Märtyrertum oder den Sieg«, zitiert der alte Mann.

 

Al-Mukhtar siegte nicht. Er wurde gefangen genommen, im Littorio-Palast in Benghazi vor Gericht gestellt und auf dem Vorplatz vor den Augen von 20.000 Menschen gehängt. Heute erinnert der Platz an andere Tote. Sie wird man in Zukunft als die »Märtyrer« der Haftar-Offensive feiern. Um den alten Mann herum rufen Menschen im Chor: »Gott ist groß«. Und immer wieder »Wir werden siegen«.

 

Es gibt kaum eine Wand, die nicht plakatiert ist mit Bildern von Haftar und seinen Verbündeten. Etwa der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman, Ägyptens Präsident Abdulfattah Al-Sisi, Wladimir Putin und der Kronprinz der Vereinten Arabischen Emirate (VAE), Muhammad bin Zayed Al Nahyan. Auch der französische Präsident Emanuel Macron lächelt von den Hauswänden herunter. Jedes einzelne Bild ist mit einem roten Stift überkritzelt worden.

 

Die Poster auf dem Märtyrer-Platz sind der Spiegel dieses Krieges in Libyen, der längst eher einem Stellvertreter- als einem Bürgerkrieg gleicht. Die Menschen sind sich einig: Tripolis darf nicht zum neuen Benghazi oder das neue Derna werden – dem Erdboden gleich gemacht durch die Bomben Haftars.

 

»Wir sind müde und viele dieser Demonstranten hier hätten Haftar vor einigen Wochen mit offenen Armen willkommen geheißen«.

 

Ein Mädchen hält ein Banner in der Hand mit der Aufschrift: »Die Vereinten Nationen zerstören unser Land.« Sie erklärt: »Niemand hier vertraut mehr auf Ghassan Salamé. Die Vereinten Nationen haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Sie müssten wissen, dass man mit Kriminellen nicht verhandeln kann. Trotzdem reden sie mit Haftar. Unsere Geduld ist am Ende.«

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Interview mit Bijan Khajehpour über Iran-Sanktionen und die Straße von Hormus
Interview mit Bijan Khajehpour über Iran-Sanktionen und die Straße von Hormus

zenith: Beim Blick auf die Karte erkennt man sofort die Bedeutung der Straße von Hormus. Wie schlägt sich diese geostrategische Lage in den handelszahlen nieder?

Bijan Khajehpour: 35 bis 40 Prozent des Erdöls, das weltweit über den Seeverkehr befördert wird, läuft über die Straße von Hormus. Das sind mehr als 20 Prozent des gesamten gehandelten Öls.

 

China, Japan und Südkorea sind vom Nahen Osten abhängig. Sie importieren mehr als die Hälfte ihres Energiebedarfs aus der Region. Gibt es Alternativen für asiatische Ölimporteure?

Wenn die gesamten Öl-Importe aus dem Nahen Osten eingestellt würden, wären die asiatischen Importeure in einer sehr schwierigen Lage. Kein anderer Anbieter könnte das Gesamtvolumen der Exporte aus dem Nahen Osten ersetzen. Wenn jedoch allein die Importe aus Iran wegfielen, böten sich andere regionale Öllieferanten oder auch die USA als alternative Handelspartner an. Dennoch muss man eine Reihe von Unterschieden berücksichtigen: Ohne Iran wird es an einigen speziellen Ölsorten mangeln. Darüber hinaus verfügt Iran über Kapazitäten, Rohöl mit Kondensat zu mischen, um für seine Kunden sehr begehrte Ölsorten herzustellen. Nicht zuletzt versprach das Iran-Geschäft sehr vorteilhafte Zahlungsbedingungen. Teheran gewährt seinen Kunden etwa Zahlungsverzug – das bietet sonst niemand.


Wie realistisch sind die Warnungen aus Teheran?

Teherans rhetorische Drohkulisse ist eine klare Reaktion auf die amerikanische Strategie des »maximalen Drucks«. Das konkrete Vorgehen Irans wird vollkommen vom Handeln Anderer abhängen: Wenn die USA zur Besinnung kommen und eine andere Politik verfolgen, wird auch Iran deeskalieren.

 

»Einige Unternehmen könnten aber versuchen, sich den Schutz der US Navy oder anderer Streitkräfte in der Region zu sichern.«

 

Welche Möglichkeiten stünden Handelsunternehmen zur Verfügung, sollten die Lieferwege dennoch nicht gesichert sein?

Den Persischen Golf und die Straße von Hormus zu umgehen, ist gar nicht so einfach. Die Öl-Häfen der wichtigsten Produzenten befinden sich am Persischen Golf und dieses Öl muss fließen. Es gibt eine Pipeline durch die VAE, die einen Teil des Handelsvolumens stemmen könnte, aber die entsprechenden Öltanker müssten alle in den Gewässern des Persischen Golfs befinden. Einige Unternehmen könnten aber versuchen, sich den Schutz der US Navy oder anderer Streitkräfte in der Region zu sichern.

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Interview mit Historiker Fred Donner über die Frühzeit des Islam
Interview mit Islamwissenschaftler Fred Donner über die Frühzeit des Islam

zenith: Sie forschen unter anderem zur Entstehung des Islam. Wie kommt das in den muslimischen Ländern und gerade in den Golfstaaten an, auf denen das Augenmerk ihrer Forschung liegt?

Fred Donner: Einige Länder in der arabischen Welt nehmen eine sehr ablehnende Haltung gegenüber einer historischen Interpretation des frühen Islam ein. Saudi-Arabien etwa gründet seine gesamte Identität auf traditionellen Narrativen. Es ist daher schwer für die Saudis, irgendetwas zu akzeptieren, das nach revisionistischen Ansichten klingt. In anderen muslimischen Ländern sieht das anders aus: Indonesien zeigt großes Interesse an Forschungen über den Ursprung des Islam. Die Indonesier stehen seit langem in einem Identitätskonflikt: Sie fühlen sich als Muslime, aber nicht als Araber. Sie suchen nach einem Weg, in ihren eigenen sozialen Strukturen gute Muslime zu sein. Es mag auch in Saudi-Arabien einige Wissenschaftler geben, die an revisionistischen Interpretationen interessiert sind. Aber es ist schwer für sie, sich in ihrer Umgebung offen darüber zu äußern.

 

Falls Archäologen auf Artefakte stoßen würden, anhand derer neue Erkenntnisse über die Geschichte des Islam gewonnen werden können – wären solche Funde nicht aussagekräftig genug, um bisherige Annahmen zu erschüttern? Auch die der Saudis?

Es mangelt uns immer noch an Quellen aus dem siebten, also dem ersten islamischen Jahrhundert. Wir haben viele Berichte aus dem 8. Bis 10. Jahrhundert, die auch weitgehend von Orientalisten herangezogen wurden, um Aussagen über den Ursprung des Islam zu treffen. Das Problem ist, dass es sich dabei um Retrospektiven handelt, die möglicherweise die vorhergehenden Ereignisse idealisierten.

 

Was wäre denn eine konkrete archäologische Entdeckung, die Sie als Durchbruch in dieser Hinsicht bezeichnen würden?

Wir haben kein einziges Dokument, das vom Propheten Muhammad selbst kommt. Es gibt Briefe, von denen einige glauben, dass sie aus seiner Feder stammen. Aber dabei handelt es sich wahrscheinlich um Fälschungen. Ein Dokument von ihm persönlich zu finden, wäre somit ein Durchbruch. Alles, was wir bisher haben, sind Nachweise über Menschen, die ihn direkt kannten, wie etwa seine Eltern...

 

... die wohl zu der Gruppe der »Hanifas« gehörten. Auch darüber wird diskutiert. Kommen Muhammads Eltern in die Hölle, weil sie keine Muslime waren? Den Islam gab es ja erst nach Muhammad.

Die interessante Frage ist hier der Charakter der ersten Gemeinschaft, die Muhammad gründete. Und deren Verhältnis zu anderen Religionen. Viele Menschen nehmen heute an, dass Muhammad von einem religiösen Erlebnis motiviert war und Gott seinen berechtigten Platz in der Welt zuweisen wollte. Aber vielleicht hatte er gar nicht vor, eine neue Religion zu gründen. Er wollte bloß den Monotheismus wiederbeleben, der bereits existierte. Juden und Christen waren Monotheisten – er wollte aus ihnen bloß wahre Monotheisten machen.

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Interview mit Islam-Gelehrten Maulana Wahiduddin Khan über Indien und Pakistan
Interview mit Islam-Gelehrten Maulana Wahiduddin Khan über Indien und Pakistan

zenith: Im Vorfeld der Wahlen in Indien würde viel Hass zwischen den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften im Land geschürt. Wie würden Sie die Beziehung zwischen Muslimen und Hindus in Indien heute beschreiben?

Maulana Wahiduddin Khan: Indien ist multi-religiös und seit jeher herrscht hier eine Kultur der Toleranz. Die Teilung Indiens nach der Unabhängigkeit hat einige Probleme geschaffen, eines davon ist die Angst vor einer durch die Mehrheiten geführten Bewegung gegen die Minderheiten. Mahatma Gandhi und Pandit Jawaharlal Nehru haben das in Indien jedoch verhindert. Leider erkennen die Muslime heutzutage ihre gesellschaftliche Rolle nicht. Deswegen haben sich ihre Denkweisen auch so negativ entwickelt.

 

Welche Rolle spielt die Situation in Kaschmir?

Kaschmir bietet für Indiens Tourismus-Industrie enorme Möglichkeiten. Doch die gewalttätigen Proteste der Kaschmiris hemmen dieses Potenzial. Die Menschen sollten lieber diese Chancen erkennen und entsprechend handeln, anstatt zu protestieren und sich zu beschweren.

 

»Pakistan muss eine politische Strategie nach dem Vorbild von Westdeutschland in der Nachkriegszeit finden«

 

Wie steht es mit Pakistan?

Pakistan und Indien sind Nachbarn und können es sich nicht leisten, Antagonisten zu bleiben. Sie müssen freundschaftliche Beziehungen zueinander aufbauen – in allen Bereichen –, um sich weiterzuentwickeln. Und Pakistan muss eine politische Strategie nach dem Vorbild von Westdeutschland in der Nachkriegszeit finden. Eine andere Option hat das Land nicht.

 

Was genau meinen Sie damit?

Westdeutschland hat auf Basis dessen gehandelt, was dem Land geblieben war und keine Zeit damit verschwendet, dem hinterher zu trauern, was verloren war. Menschen sind besessen von einer Idee der Totalität. Sie wollen Dinge vollständig erreichen und es widerstrebt ihnen, ihre Ziele nur in Teilen zu erreichen. Aber dieser Gedanke widerspricht der Natur. Die Vergangenheit kommt nicht zurück. Die Führer der Muslime hätten ihrer Gemeinschaft genau das aufzeigen müssen. Das ist ihnen nicht gelungen und deswegen ist viel Zeit verloren gegangen. Die realistische Erfolgsformel für Pakistan lautet: Man kann nicht alles erreichen, sondern muss die Möglichkeit nutzen, die zur Verfügung stehen. Und das bedeutet, sich darauf zu konzentrieren, den eigenen Staat aufzubauen.

 

Interview mit Islam-Gelehrten Maulana Wahiduddin Khan über Indien und Pakistan
Foto: Florian Guckelsberger

 

2012 haben Sie in einem Interview behauptet, es gäbe keinerlei Diskriminierung von Muslimen in Indien. Sehen Sie das immer noch so?

Ja, das sehe ich immer noch so. Die religiösen Oberhäupter haben die muslimische Gemeinschaft in die Irre geführt. Es stimmt, dass Muslime im Vergleich zu anderen Gemeinschaften rückständig sind. Der Grund dafür ist aber nicht etwa Diskriminierung, sondern mangelnde Bildung. Wenn Muslime weiterhin so besessen bleiben von dieser Idee, diskriminiert zu werden, werden sie nie eine positive Rolle einnehmen können. Die Menschen schreien immer sofort »Diskriminierung«, wenn sie Unterschiede sehen. Aber Unterschiede sind nicht etwa schlecht, sie gehören zu jeder Gesellschaft natürlicherweise dazu.

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